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Mathis Neidhardt:
Bühnenbildner zwischen Macht und Menschlichkeit

(von Hans Peter frings)

Meine erste Begegnung mit den Bühnenräumen von Mathis Neidhardt war ein prägendes Erlebnis. Es war 2001, bei den Mannheimer Schillertagen. Das Staatsschauspiel Dresden zeigte „Wallenstein“ in der Regie von Hasko Weber, mit Neidhardts Ausstattung. Die Bühne zeigte einen bunkerartigen Raum, wie von Albert Speer entworfen. Ein unterirdischer Komplex, aus dem schmale Treppen durch falltürartige Öffnungen ins Ungewisse führten – hinaus in eine Welt, die vielleicht längst unbewohnbar, zerstört war. Das beklemmende Gefühl war sofort da, fast körperlich spürbar: Bedrohung, Angst, Ausweglosigkeit. Hier agierten Menschen, die sich auf das reine Kalkül des Krieges reduzieren mussten. Und da war ein Widerspruch, der ins Auge stach: Tapeten kleideten den Bunker aus, so als retteten die Krieger noch ein Stück bürgerlicher Alltäglichkeit in ihr apokalyptisches Verlies. Seit diesem Moment verfolge ich Neidhardts Arbeit mit großer Aufmerksamkeit – und hatte das Glück, ihn als Dramaturg in vielen gemeinsamen Inszenierungen zu begleiten. Seine Arbeit trifft vielleicht auch deshalb mein besonderes Interesse, weil wir beide eine Generations- und Gesellschaftserfahrung teilen.

Mathis Neidhardt erschafft Bühnenbilder, die weit mehr sind als Kulissen. Seine Räume erzählen von Macht und ihrer Fragilität, von Systemen, die Menschen vereinnahmen – und von Individuen, die sich in diesen Systemen behaupten oder an ihnen zerbrechen. Er gestaltet Orte, die Vergangenheit und Gegenwart zugleich in sich tragen. Seine Bühnenbilder erinnern an die Architektur faschistischer oder realsozialistischer Diktaturen, doch sie sind niemals bloße Rekonstruktionen. Durch subtile Brechungen und Verschiebungen holen sie diese Bilder in die Gegenwart – und lassen sie zugleich in etwas Unheimliches, Unbekanntes kippen Seine Handschrift ist unverkennbar: klare, geometrische Strukturen, eine reduzierte, oft karge Ästhetik, ein Spiel mit Licht und Schatten, das Stimmungen zuspitzt. Doch trotz dieser formalen Strenge sind seine Räume niemals abstrakt. Neidhardt sucht stets nach Konkretheit in Material, Form und Details, wodurch seine Bühnenräume eine haptische Präsenz erhalten, die den Zuschauer unmittelbar anspricht. Gleichzeitig erschafft er Assoziationsräume, die über bloßen Realismus oder Illustration hinausgehen. Er kombiniert realistische Versatzstücke auf neue Weise und lädt das Publikum ein, eigene Bedeutungen und Emotionen in den dargestellten Räumen zu entdecken.

Ein besondere Facette von Neidhardts Schaffen ist seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur Jens-Daniel Herzog. Seit 2002 verbindet die beiden eine enge künstlerische Partnerschaft, in deren Rahmen sie zahlreiche Schauspiel- und Opernproduktionen gemeinsam entwickelt haben. Am Staatstheater Nürnberg brachten sie unter anderem Inszenierungen wie "Krieg und Frieden", "Così fan tutte", "La Calisto", "L’Orfeo“ und „Pelleas und Melisande“ auf die Bühne. Ihre Zusammenarbeit führte sie auch an weitere renommierte Häuser wie die Hamburgische Staatsoper, das Opernhaus Zürich, die Oper Frankfurt und die Deutsche Oper am Rhein.

 

Mathis Neidhardt baut keine Bühnenbilder – er baut Welten. Orte, die Geschichten erzählen, bevor das erste Wort gesprochen ist. Orte, die Machtstrukturen sichtbar machen, aber auch ihre Risse, ihre Brüche, ihre Abgründe. In seinen Räumen wird Theater nicht nur gespielt – es wird empfunden. Und genau darin liegt seine große Kunst.

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